Das Tagebuch

17.6.21
Die Lösung
Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des
Schriftstellerverbands
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, daß das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
Und es nur durch verdoppelte Arbeit
Zurückerobern könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?

(Bert Brecht)

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„Things have changed“ (B. Dylan)

Aber wie?!
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schreibt:
„Fast die Hälfte der Deutschen sieht die Meinungsfreiheit laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage in Gefahr. Nur 45 Prozent der Befrag­ten haben noch das Gefühl, die politische Meinung in Deutschland könne frei geäußert werden. Das sei mit Abstand der niedrigste Wert, seit das Institut für Demoskopie Allensbach im Jahr 1953 zum ersten Mal danach gefragt habe.“
Demnach müsse man bei den Themen „Islam (59%), Vaterlandsliebe und Patriotismus (28%) und Gleichberechtigung von Frauen (19%)“ mehr als „vorsichtig sein“.
Die Zahlen sind natürlich auch mit ein wenig Vorsicht zu genießen. Weil gerade bei solchen Umfragen viele der Befragten noch viel vorsichtiger sind, als sie wirklich sind, kann man erfahrungsgemäß auf die 59, 28 und die 19 getrost noch jeweils ca. 30 Punkte oben dauf geben.
Demnach wären also nach meiner neuen Berechnung um die 50 % doch sehr traurig darüber, Frauen nicht mehr traditionell wie Karl Arsch behandeln zu dürfen. Und das ist doch für ein angeblich zivi­lisiertes Volk ne echt stolze Zahl.
Was nun die knapp 60 % mit ihrer Vaterlandsliebe und ihrem Patrio­tismus betrifft, bin ich meinerseits doch ziemlich enttäuscht und hätte von unsern aufrechten deutschen Arschlöchern 'n bißchen mehr Courage erwartet. Oder Mutzustolzehreheimatliebe, wie die sich's zusammenstammeln würden.
Vollends aber verwirrt haben mich die 59 bzw. knapp 90 % beim heißgeliebten Thema „Islam“. In diesem Land wurde seit 9/11 kein einziges Buch, dass in militantem Hass auf den Islam geschrieben wurde, KEIN Bestseller! Selbst jeder der langweiligen, unlesbaren Statistik-Schinken von Sarrazin wurde für den notorisch darbenden Buchhandel zum Segen. Monatelang keine Talkshow ohne Sarrazin, monatelang kein Buchladen ohne mehrere Haufen voll mit „Deutschland schafft sich ab“.
Was aber heißt das, wenn knapp 90 % der Deutschen gegen alle Offensichtlichkeit behaupten, dass man hierzulande mit seiner Meinung zum Islam hinterm Berg halten sollte? Daraus folgt, dass man in der Tat allmählich sehr vorsichtig sein muss.
16.6.21
Ende Gelände -
Das letzte Wort hat der liebe Gott
Die folgende Darstellung des päpstlichen Visitationstheaters im Erzbistum Köln stammt nicht von mir, sondern vom Chefkorres­pondenten des Kölner Stadtanzeigers Joachim Frank, dem wahrlich unermüdlichen Aufklärer und Kämpfer für die von Woelki und an­deren Beleidigten und Erniedrigten und - in grosso modo - für eine „menschliche Kirche“, was immer das auch sein soll:
„Eine Woche lang, so die Sprecherin des Bistums Rotterdam, hätten Bischof Hans van den Hende und der schwedische Kardinal Anders Arborelius bei ihrem Köln-Besuch als päpstliche Visitatoren das Erzbistum und ‚alle Personen im Gebet getragen‘, mit denen sie über den Missbrauchsskandal und die aktuelle Lage sprachen. Die gewonnenen Erkenntnisse würden sie nun ‚Papst Franziskus zur Verfügung stellen‘.“
Frank schreibt weiter:
„Aus ihren Gebeten weiß Gott bereits, was die Visitatoren zu hören bekommen haben. Öffentlich bekannt werden soll nichts davon. Die in den einzelnen Unterredungen erstellten Protokolle bekommen nicht einmal die Gesprächspartner zu Gesicht. Im Gegenteil: Sie mussten zu Beginn einen heiligen Eid auf die Bibel schwören, keine Inhalte nach draußen dringen zu lassen. So sei das bei einer Aposto­lischen Visitation, habe man ihnen freundlich, aber bestimmt erklärt: Ohne Eid keine Anhörung.“
So weit der mit leicht sarkastischem Unterton verfasste Hinter­grund­bericht von Joachim Frank, der sich in den letzten Monaten nun wirklich alle erdenkliche Mühe gegeben hatte, wenigstens diesen Woelki auf die wohlverdiente Reise zum Teufel zu schicken. Aber so läuft das nun mal im Hause des Herrn.
Und dass auch der Chefkorrespondent des Kölner Kirchen … ähm, pardon, des Kölner Stadtanzeigers nicht aus seiner erzkatholisch lädierten Haut kann und sich weiterhin pathologisch und mit aller Ambivalenz an einen Strohhalm klammert, d.h. an einen Papst, den man getrost auch als einen zwar heiligen, aber in Wahrheit veri­tablen ganzen Strohsack bezeichnen könnte, zeigt gegen Ende sein Satz:
„Wann und wie der Papst auf den Bericht seiner Visitatoren rea­gieren wird, ist völlig unklar.“
Denn beim Ausdruck „völlig unklar“ schwingt immer noch eine sinnlose, durch nichts zu rechtfertigende Hoffnung mit. Angebrach­ter wär m.e. die radikal ehrliche Formulierung, die der Deutsche Astrologen-Verband immer gern benützt, und so hieße der Satz dann auch richtigerweise:
„Wann und wie der Papst auf den Bericht seiner Visitatoren rea­gieren wird, steht noch völlig in den Sternen.“
Amen.
15.6.21
An die sensiblen Großkritiker der "iraelischen Regierungspolitik"
Nur mal so zur Klarstellung
n-tv berichtet:
„Bereits vor der Vereidigung der neuen Regierung in Israel hat die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas eine Fortsetzung des bewaffneten Kampfes gegen den jüdischen Staat angekündigt. Hamas-Sprecher Fausi Barhum sagte: "Welche Form auch immer die israelische Regierung hat, es wird unser Verhalten gegenüber einer Besatzungsmacht nicht ändern, gegen die Widerstand geleistet werden muss." Die Palästinenser hätten dabei das Recht, alle Mittel einzusetzen, "allen voran der bewaffnete Widerstand". Auch ein ranghohes Mitglied der militanten Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad sagte, der Kampf gegen Israel werde fortgesetzt.“
Ihr seid ja immer so wunderbar ausgewogen in euren Vergleichen. Stellen wir uns mal so dumm es geht und folgendes Szenario vor: Ähnliche Truppen wie Hamas, Dschihad und Al Fatah würden auch nur für kurze Zeit die Bundesrepublik mit ähnlichen, vom Iran hergestellten Raketen traktieren ... wieviel von unsrer schönen Demokratie hierzulande wäre dann wohl noch übrig? Tippe mal, nicht viel. Dafür aber hätten wir hier nach einiger Zeit wegen der sensiblen Empathie unserer Politiker zu mittelalterlichen Volks­stämmen vielleicht ähnlich herrliche Zustände wie in äh … ach, sucht euch was hübsches aus.

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Und wo wa grad schon beim Antisemitismus sind

Die feine „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, finanziert durch die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektro-Industrie und wissenschaftlich begleitet vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), hat sich mit einer tollen Plakat- und Werbe-Kampagne einen klassischen deutschen Scherz erlaubt: Im Kampf gegen die Grünen kommt uns Annalena Baerbock in altertümlicher Klamotte und nach Art des Moses 2 Gesetzestafeln im Arm mit „10 neuen Verboten“: „1. Du darfst kein Verbrenner-Auto fahren! 2. Du darfst nicht flie­gen“ bis hin zum 10. „Du darfst nicht mal daran denken, dass mit 10 Verboten Schluß ist!“
Und selten kam ein Unternehmer-Witz so gut beim Volke an ... und aus den tiefsten Schlünden der Hölle hörte man alsbald unaufhör­lich das dröhnende Gelächter von dem kleinen Mann mit dem qua­dratischen Oberlippenbärtchen. Gesetzt den Fall, man hat denn auch ein Ohr dafür.
14.6.21
„Farbe bekennen“
Wenn die wichtigste deutsche Polit-Sendung „Farbe bekennen“ heißt, darf man sich nicht wundern, dass dort wie früher bei Rudi Carell am laufenden Band Klartext gesprochen wird, Klartext, der auch sehr weh tun kann. Diese Woche war‘s , so empfand ich es jedenfalls, der „Wumms“-Mann Olaf Scholz mit dem Satz:
„Man kann sich immer auf mich verlassen.“
13.6.21
Aus der Serie
„Nix weggelassen und nix hinzugefügt“
t-online berichtet:
„Vom Wal verschluckt:
Hummertaucher spricht über bange Sekunden -
Michael Packard ist erfahrener Taucher, der am Meeresboden Hum­mer fängt. Doch jetzt wurde er selbst zur Beute. Packard war am Freitag von einem Buckelwal verschluckt worden.
‚Ich habe mich gefühlt, als hätte mich ein Truck gerammt. Alles wurde dunkel. Ich habe mich gefragt, ob ich von einem Weissen Hai gegessen wurde. Aber nein, ich spürte keine Zähne. Oh meine Gott, sagte ich. Ich bin in dem Maul von einem Wal. Und das Maul war zu. Ich dachte, so wirst du jetzt sterben, Michael.‘
Er habe etwa 30 Sekunden im Innern des Wals verbracht, berichtete er den US-Medien. Während seiner Zeit im Innern des Säugetieres habe der Fischer weiter über seine Taucherausrüstung atmen können. Sein Kollege Josiah Mayo soll gesehen haben, wie der Wal auftauchte und Packard ausspuckte.
‚Ich wurde einfach aus seinem Maul ins Wasser geworfen. Überall war Wasser. Ich lag auf der Oberfläche und habe mich treiben lassen.“
Und dann heißt der Kollege auch noch Josiah! Und nicht nur die 'Berliner Morgenpost' hat diese alte, hochinteressante Geschichte weiterverbreitet.
12.6.21
Texte aus einer anderen Welt
Meister Franziskus, unser hl. Schwurbel-Papa der Barmherzigkeit, hat doch tatsächlich im unüblichen Eilverfahren von zwei, drei Tagen seinem „lieben Bruder“, dem „Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa-Marx für die ganz Intelligenten eine schriftliche Antwort rübergeschwurbelt! Und weil es in der katholischen Gemeinde so usus ist bzw. abusus, in ganz bestimmten Fällen auch die intimsten Angelegenheiten an die große Glocke zu hängen, konnte man am selben Tag noch im ‚Spiegel‘ den Serrmon im originalen Wortlaut nachlesen.
Ich habe mir das päpstliche Sündenvergebungskonvolut zweimal reingezogen und konnte danach voller Überzeugung sprechen: Wir haben verstanden! Ein Freispruch 1. Klasse. Die beiden Woelki-Besucher können also wieder heimreiten. Und wenn ich Ihnen jetzt sage: Der Text ist einfach so UNGLAUBLICH, nämlich wie alles in dem Verein, dass ich hier nix extra draus zum Beweise zitieren muss, dann können se mir das auch ruhig glauben.
11.6.21
Man kann‘s ja eigentlich nicht mehr hören ...
Muss man allerdings auch nicht. Und um genau zu sein: Kann man auch gar nicht hören. Muss man nämlich lesen. Mein Buchtipp für diesen Monat:
„Kursbuch 206“
Thema: „Impfstoffe“
hrsg. von Armin Nassehi und Peter Felixberger
10.6.21
Presse & Politik, die große Kumpanei ?
Überparteilich - liberal - nah bei de Leut
Mit den Arschlöchern für Deutschland will er sich nicht abgeben, geschweige denn überhaupt unterhalten. Aber ihnen gratis gute Argumente vor die Füße werfen, dagegen hat er wohl nix …
Armin Laschet, der bis dato mit dem geklauten Motto „Versöhnen statt Spalten“ als veritabler Johannes-Rau-Klon durch die Lande tingelte, hat sich nun auch für die dunklen Seiten seines Wahl­kampfgetues als Kommunikationsberaterin die Journalistin Tanit Koch „ins Boot“ geholt.
Zugegeben, das ist jetzt an und für sich noch kein richtiger Witz. Die Pointe – auch wenn sie sich etwas hinzieht - muss man sich zudem extra bei Wikipedia erst raussuchen. Also:
„Von 2005 bis 2006 durchlief Tanit Koch ein Voluntariat an der Axel-Springer-Akademie sowie im Ressort Politik und Wirtschaft der Bild. Dort arbeitete sie ab 2007 zwei Jahre lang beim damaligen Chef­redakteur Kai Diekmann als dessen Büroleiterin.“
Das hätte ja schon gereicht. Aber Wikipedia setzt unverdrossen noch einen drauf:
„Von 2009 bis 2010 war sie verantwortliche Redakteurin für Sonder­aufgaben in der Chefredaktion der Welt-Gruppe, dann Textchefin der Bild. Ab 2011 leitete Koch die Redaktion der Hamburg-Ausgabe und wurde damit auch Mitglied der Chefredaktion. Ab Februar 2013 war sie stellver­tretende Chefredakteurin der Bild und leitete das Ressort Unter­haltung. Am 1. Januar 2016 übernahm sie von Kai Diekmann die Position als Chefredakteurin. Aufgrund von (privaten) Auseinander­setzungen mit dem Vorsitzenden der Bild-Chefredaktio­nen Julian Reichelt verließ sie die Redaktion und den Verlag zum 1. März 2018.“
Jetzt textet sie für Laschet.
13 Jahre in der Höhle des Löwen, 13 Jahre an den Brüsten der Bestie, 13 Jahre im Dienste der erfolg­reichsten Dreckzeitung Europas … da dürfen wir doch gespannt sein, was so eine Frau aus unserm harmlosen Oberlangweiler Laschet so alles zaubern kann.
9.6.21
Infos aus den Parallelgesellschaften
Linda Zervakis und Pinar Atalay „verlassen“ die Öffentlich-Rechtli­che Anstalt ARD und wechseln zu RTL bzw. Pro Sieben. Nach Sen­derangaben wollen sie den „Ausbau der Informations- und Nachrich­tenangebote in zentraler Rolle mitgestalten“. Pinar Atalay sagt zum Beispiel:
„Mit meiner Erfahrung als TV-Journalistin und Moderatorin möchte ich dem steigenden Informationsbedürfnis der Zuschauer:innen ge­recht werden, mit Qualitätsjournalismus, der für die Gesellschaft unabdingbar ist.“ 
Das war ein Satz mit 25 faustdicken Lügen – und das von einer "Qua­litätsjournalistin" als Einstand in die Werbe-Industrie! Gute Frau, wer soll dir denn da jetzt noch irgendetwas abnehmen, du Knall­tusse?!