Das Tagebuch

18.12.18
Was wird jetzt aus Merz?
Es wird heuer allerorten lang&breit die bange Frage berätselt:
„Was wird jetzt aus Merz?“
Warf man am gestrigen Tage auch nur einen flüchtigen Blick in die Online-Welt, so musste man fürwahr annehmen, ganz Deutschland triebe nur noch eine Frage um – die Frage:
„Was wird jetzt aus Merz?“
Und in der Tat, verließ man gestern seine Wohnung, sein Heim, den Arbeitsplatz, sein Bettgestell, den Ohrensessel, Frau und Kind und Haus und Hof, sei..., nee, Quatsch, aber seine Komfortzone oderwa­tweißichsonstnoch für Requisiten aus dem inhaltslosen, armseligen Leben, da lag sie überall wie, ja, wie Blei in der Luft und selbst im Bekannten- und Freundeskreis nahm sie breiten, großen bis über­großen Raum ein - die alle zutiefst bedrängende Frage:
„Was wird jetzt aus Merz?“
Du konntest gestern machen, was du wolltest – du kamst einfach nicht um sie herum, um die Frage:
„Was wird jetzt aus Merz?“
Tja, und?
Was wird jetzt aus Merz?
Was … wird … jetzt … aus Merz?
Hm.
Nun, was mich betrifft – hinsichtlich der Frage „Was wird jetzt aus Merz?“:
Für mich ist das, wie man so sagt, eher uninteressant. Wegen mir kann der sich auch nen Pudding ans Bein nageln und so lange dran rumdreh'n, bis WDR2 kommt. Aber ehrlich gesagt oder ich sag mal so: Wichtiger für mich wäre eigentlich Folgendes: Was machen wir bloß, wenn die Zeit reif ist, wenn die Zeit gekommen ist, wenn's also an das sog. Eingemachte gönge, mit all diesen Menschen, die dann immer noch Fragen stellen wie zum Beispiel:
„Hör mal, ja genau, was wird jetzt eigentlich aus Merz?“
17.12.18
Kurz, knapp & hoffnungsheischend:
Die gute Nachricht der Woche
(NEU: Jetzt immer mit wissenschaftlicher Begründung)
Ich bin immer frohgelaunt, wenn's hier auch mal zur Abwechselung was Positives zu vermelden gibt. Dpa vermeldet:
„Spaltung der orthodoxen Kirche
Ukraine gründet eigene Nationalkirche“
Das war (täderätäh)
unsere gute Nachricht ... der Woche!!!
***
Wissenschaftliche Begründung:
Das mit der Nationalkirche is mir piepegal. Wegen meiner können die gründen, was se wollen - die sieg- und segensreiche Prunk- und Protzkirche, Petro Poroschenko- oder Einzig wahre Kapelle. Oder ganz bescheiden: Kirche der bescheidenen Seelen. Aber Spaltung? Spalten ist immer gut. Grade bei solchen Gestalten.
16.12.18
Ein Scherz der etwas anderen Art ist noch nachzutragen
Am Ende der Weltwitzekonferenz in Kattowitz schickte die Theater­dramaturgie gestern noch eine Minderjährige mit volkstümelnden Zöpfen zum kollektiven Missbrauch auf die Bühne, wo die dann brav ein von 'nem missionarischen Kitsch'n'Moralinproduzenten verbroch­enes Bekennerschreiben vortrug. Die gleichgeschaltete Welt­presse gab das entsprechende Echo und po­saunte dazu im Chor, wie zu erwarten war:
„15-jähriges Mädchen ermahnt in einer Rede die Politiker“
bzw.
„15-Jährige liest den Politikern die Leviten“
usw.
Dann aber geschah etwas, was ich vorher im Leben nicht und nie­mals und nie und nimmer geglaubt hätte: Sämtliche Staats- und Regierungschefs, alle Oberhäupter aller Länder dieses Planeten ant­worteten umgehend mit Briefen, E-mails, Trommeln und Telefonaten, dass sie jetzt erst – durch diese aufrüttelnde Brandrede des süßen, kleinen Mädels mit den Zöpfen – die Dringlichkeit des Problems er­kannt hätten und sofort entsprechend handeln wollten. Alle, ja, alle, mit Ausnahme von Nordkorea, dem Phantasia- und dem Lala­land.
15.12.18
Witze auf der Weltklimakonferenz in Kattowitz
Ein sehr guter Witz machte dieser Tage auf der Weltklimakonferenz in Kattowitz die Runde. Und der deutsche Bun­desminister für wirt­schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Gerd Müller, der dafür bekannt ist, dass er null Witz hat und noch weniger welche erzählen kann, hat ihn von sich gegeben und erzählte:
„Super Witz, wenn se verstehen, was ich meine“, hatte er eingangs noch einfach so in den Raum geplaudert. „Also, mein Witz geht fol­gendermaßen:
Wir bauen unseren Wohlstand noch viel zu oft auf dem Rücken Afrikas auf. Jetzt zur Weihnachtszeit werden 150 Millionen Schoko-Nikoläuse in Deutschland verkauft, aber nur die Hälfte des Kakaos wurde fair produziert.“
„Ja, ja, wissen wa ja alle. Komma zum Punkt!“ murrten da schon die ersten verstohlen in ihren 3-Tage-Kattowitz-Bart.
„Okay“, meinte der Gerd. „Is' vielleicht 'n bisschen lang; lohnt sich aber. Ich erzähl ma weiter. Also:
Der Rest kann immer noch mit Sklavenarbeit, ausbeuterischer Kin­derarbeit, Hungerlöhnen und Abholzung des Regenwaldes herge­stellt werden. Das ist auch eine Aufforderung an die Konsumenten: Schaut hin, was ihr kauft."
„Mein Gott! Is ja nicht zum Aushalten!“ Der Unmut im Publikum wur­de von Minute zu Minute immer mutiger.
„Im kommenden Jahr werde ich dazu eine Kampagne gemeinsam mit dem evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt und anderen Or­ganisationen starten.“
„Ja, mach et, Gerd!“ „Du bist unser SuperGerd!“ und „Alles Müller oder was?“ Die Stimmung kippte allmählich ins Zynische.
„'Stoppt die Kinderausbeutung!' wird die Kampagne heißen. Es darf nicht sein, dass wir Güter nach Europa importieren, in denen aus­beuterische Kinderarbeit steckt."
„Ja, is das denn die Possibility?!", „Haste Töne?!", „Hört! Hört!" Ver­einzelte Sprechchöre begannen sich zu formieren, verstärkt durch ironischen Beifall.
„Das fängt beim Kaffee an und hört beim Grabstein auf, den vielfach Kinder unter erbärmlichsten Zu­ständen in den Steinbrüchen bear­beiten.“
An der Stelle verließen bereits entnervte Delegierte gruppenweise polternd den Saal.
Noch zwei Sätze:
„2019 werden wir zum ersten Mal genau überprüfen, ob die größe­ren deutschen Unternehmen ihrer menschenrechtlichen Sorgfalts­pflicht nachkommen. Wenn wir mit Freiwilligkeit nicht größere Fort­schritte machen, wird der Gesetzgeber handeln und diese Standards festschreiben.“
Dann hatte er fertig. EndeGelände. Schluss-aus-Kakao von Nikolaus Und die paar müden people, die noch wehr- und waffenlos im Katto­witzer Sitzungssaale weilten, riefen:
„Hey, Müller! Witz, Witz, Witz! Wo soll 'n da der Witz sein? Wir warten auf den Witz, Mann!“
„Äh, der Witz, Mann, is'.. Kinners, bin doch ICH! Ich bin inner ... CSU, hey! Versteht er? C …. S … U …!“
Ja, und so isser eben, unser Gerd. Einfach. Komisch. Christsozial. Und nächstes Jahr, da kriegt er wahrscheinlich sogar noch den in seiner lustigen Parallelgesell­schaft äußerst beliebten Aachener Comedy-Preis "Wider den tierischen Ernst". Hinterhergeschmissen.
14.12.18
„Erdbeben erschüttert …
Laut BILD-Zeitung
… die katholische Kirche. Das Epizentrum – die Kurie, die höchste Etage des Vatikans. Die Nr. 4 der Kirchenhierarchie ist des Kindes­missbrauchs überführt.“
Weiter geht’s:
„Die Jury des County Court of Victoria in Australien hat den Finanz­minister von Papst Franziskus, Kardinal George Pell (77) wegen erzwungenen Oralsexes mit zwei 13-jährigen Chorknaben schuldig gesprochen.“
Bis zur Verkündigung des Strafmaßes am 4. Februar 2019 ist unser Sportsfreund aber gegen Kaution noch auf freiem Fuß, da er sich einer Knieoperation unterziehen muss. (Na, da kann er wenigstens nich' weglaufen.)
Ich hab' im Zusammenhang mit diesen doch eher unapettitlichen Geschehnissen - wie die meisten dieser Katholiken - nur eine einzige Frage:
Wie kann Gott das zulassen?
13.12.18
Weil heute den ganzen Tag nix los war...
... weil ich mir aber auch nix aus den Fingern saugen wollte,
weil ich mich aber auch nicht ewig wiederholen sollte,
weil, weil, weil,
(weitere Weils werden wohl irgendwann wahrscheinlich ...)
weil ...weil ...weil...
weil mir - ganz banal
kein Witz einfal,
aber auch nun wirklich überhaupt nix los war,
hab ich mir überlegt - formal:
Mensch, tippste in die Lücke mal
einfach, schlicht und oberfein
eins der schönsten Liebeslieder
des Berliner Liebeslieder-
macher Danny Dziuk da rein.
Biddeschön!

Würdest du?
Würdest du für mich bis ans Ende der Welt gehn, würdest du?
Und würdest du für mich ganz allein an nem Rad drehn, würdest du?
Und würdest du mir nochmal so charmant imWeg stehen,würdest du
so wie damals auf einer meiner Sauftourneen, würdest du?

Dann würde ich
vielleicht sogar
in einer Mitte-Mokka-Bar
dir einen Riesen-Schokola-
den-Kuchen
buchen.

Würdest du am Ende, falls die Welt mir weh tut… würdest du
mich in die Arme nehmen, und sagen “Alles wird gut”, würdest du?
Und würdest du für mich alles liegen und stehen lassen, würdest du?
Und zur Hölle mit dem Rest, und Hoch-Die-Tassen, würdest du?

Dann brächte das
emotional
vielleicht am Ende doch noch mal
all meine schönen Winterschlaf-
Gedanken
ins Wanken.

Würdest du auf mich in der Dämmerung warten?
Mein Zeichen wär ´n Licht im Garten?
Und würdest du mit mir für ne Woche ans Meer fahren, würdest du?
Irgendwohin, wo wir nie vorher waren, würdest du?
Und dann die ersten drei Tage nicht die Kurve aus´m Bett kriegen, würdest du?
Und würdest du mir kurz mal tief in die Augen sehn, würdest du?

Dann würde ich
graduell
wenn auch vielleicht allzu schnell
am Ende doch eventuell
mal eben
schweben

Würdest du also für mich bis ans Ende der Welt gehen, würdest du?
Und würdest du für mich mal kurz auf die Uhr sehn, würdest du?
Und würdest du mir sagen, wer die kleine Blonde war, würdest du?
Mit der ich dich gestern Nacht am Kanal sah, würdest du?

Dann würde ich
generell
wenn auch vielleicht nicht ganz so schnell
am Ende doch eventuell
davon absehn
zu gehn.

(Danny Dziuk,
aus der aktuellen CD
"Wer auch immer, was auch immer, wo auch immer")
12.12.18
Wie das so abläuft -
Am Beispiel Frankreich
Das gab's noch nie! Da rennen sich die unzufriedenen Massen monatelang in Paris die Füße platt (siehe auch „Protest“) und geht auch schon mal 'ne Scheibe inzwei oder ein Auto perdu (siehe auch „verschärfter Protest“), und dann passiert das „in the politics“ gera­dezu Undenkbare, das Unglaubliche, ja, das frivole Extraordinaire:
Die Regierung gibt klein bei, geht auf die frommen Wünsche der Protestler ein, leiht sogar den Militanten ab und an ein Ohr, rudert unter großem medialen Tam-Tam mit ihren sog. „Reformen“ ein Stück weit zurück und verspricht in Büßerseligkeit und erschüttern­der Selbstkritik, für das geliebte Volk nun umgehend einen Riesen­haufen Kohle zu verjubeln, nicht ohne dabei innigst zu beteuern, sie hätte sich die teuren Moneten unter Schmerzen aus den eigenen Rippen geleiert. Und niemand müsste künftig darben.
Und Mensch Meier, ja Mensch Meier ist ob dieser singulären Fran­zosennummer völlig von den Socken und stottert revolutionsgerührt: Mann, das gab's noch nie! Es geht voran! Geschichte wird gemacht! Und: Hurra, wir sind die ersten!
Was natürlich – wenn zumindest die Bibel recht hat – alles Mumpitz ist oder aber eben ungut ausgeht. Denn so steht's geschrieben:
Die Ersten werden die Letzten sein.
M.a.W., Mensch Meier:
Die Asche, die die Herrschaften euch vor die Plattfüße schaufeln wollen, die gammelt ja nicht zinsvoll abholbreit irgendwo auf 'ner Parkbank rum, sondern ist aktuell noch Zukunftsmusik und wird 2. erst beizeiten rest- und gnadenlos wiederum und ausschließlich nur aus euren mühsam mühsam erjobbten Steuerpenunzen zusammen­geklaut werden. Wenn hier also irgendwas neu sein sollte, dann ist es höchstens die Kackfrechheit eurer herrschenden Klasse. Und da hab' ich persönlich un petit peu den Eindruck, oh la la, dass die mir doch schon mal irgendwo begegnet ist.
11.12.18
DAS IS JA DER HAMMER !!
DAS DARF JA WOHL NICHT WAHR SEIN !!
Okay, die 'BILD-Zeitung' ist seit längerem dafür bekannt, dass sie schon mal ein wenig übertreibt. Oder – wenn es ihr sinnvoll erscheint – das Eine oder Andere auch erfindet. Dass sie – nicht immer, aber - fast immer lügt wie gedruckt, hat sich ebenso rumgesprochen wie der Umstand, dass man in jeder Ausgabe außer dem Datum kaum eine Meldung findet, die der Wahrheit entspricht. Hetze gegen miss­liebige Minderheiten, immer wieder widerliche Kampagnen gegen einzelne Personen, die ihr nicht in den Kram passen, gehören zu den wichtigsten Tagesordnungspunkten jeder Redaktionssitzung. Den Begriff „shitstorm“ gibt es natürlich erst seit dem Massenmiss­brauch durch das Internet. Aber den „Scheissesturm“ in Form einer sog. „Zeitung“ mit einer täglich gedruckten Auflage in Millionenhöhe gab es schon lange vorher. (Von wegen: Früher war alles besser.)
Kommen wir zur heutigen Ausgabe.
Die besticht allerdings diesmal eher durch eine etwas andere Auf­merksamkeit heischende Methode, nämlich die, auf Seite 1 eine Angelegenheit von unwahrscheinlich erschreckender Belanglosigkeit mit einer solch irren Lautstärke und durchgeknalltem Pathos zu verkünden inklusive großen, mit rotem Balken unterstrichenen Druckbuchstaben auf schwarzem Grund, dass man unwillkürlich denkt:
„DAS IS JA DER HAMMER !!
DAS DARF JA WOHL NICHT WAHR SEIN !!“
Da der handelsübliche Bildzeitungskonsument Herr Otto Normal ist, dessen Leben und Alltag sich durch eine kollossale, nicht einge­standene Stinklangweiligkeit auszeichnet, ist er süchtig nach einer täglichen Dosis Realitätsverdoppelung, mindestens, was man schon, normalerweise, rein äußerlich erkennen kann: Die schielen nämlich. Alle.
Und damit eine stinknormale Angelegenheit dann vom schielenden Bildzeitungsjunkie nicht als stinknormal angesehen wird, sondern als Neuigkeit, die sein Leben ein wenig interessanter machen, veredeln oder auch nur versüßen soll, knallt der Headzeilen-Literat die obere Hälfte der 1. Seite heute zum Beispiel mit folgendem Buchstabenbrei voll:
„ALS KGB-SPION IN DRESDEN
PUTINS GEHEIMER STASI-AUSWEIS ENTDECKT !
Diese Enthüllung ist eine Sensation! Russlands Präsident Wladimir Putin (66) war bis zur Wende auch Stasi-Mann in Dresden“

P.s.:
Ich hatte eigentlich im weiteren Verlauf des innovativen Artikels zumindest noch den Satz erwartet:
„Putin hatte schon damals zwei Augen, zwei Arme, zwei Beine, zwei Eier und diese eine Nase ...“, aber als geübter Bildzeitungsleser kann man sich den auch selber hinten dran setzen.
10.12.18
„Mensch Heino!
Der Sänger und die Deutschen“
So heißt die „Heino-Doku“, mit der uns das ZDF morgen Abend erfreuen möchte. Wer es etwas seriöser mag, dem empfehle ich meine Rezension seiner Autobiographie „Und sie lieben mich doch“ mit dem Titel „Rot-grün ist die Haselnuss“.
(Hier auf der Website unter „NEU! Best of Bestsellerfressen“)