Das Tagebuch

12.4.21
„Sofagate“
Die neueste Nummer vom regierenden Primitivling der Türkei läuft unter der Bezeichnung „Sofagate“.
Beim EU-Türkei-Treffen in Erdogans privater Protzresidenz bekam EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen nur einen Sofa-Platz am Katzentisch - anders als Ratspräsident Charles Michel, der dem Sul­tan gleich in einem Sessel Platz nehmen durfte. Im Palast knallten später vor Schadenfreude ob der gelungenen Armseligkeit die Kor­ken, während man sich in Brüssel die Köpfe heiß diskutierte, wie auf diese „neuerliche Unverschämtheit“ zu reagieren sei.
Von „einfach gar nicht ignorieren“ bis zur öffentlichen Titulierung des Sultans als „Diktator“ war alles dabei. Viele, viele Worte, doch letztendlich für nichts und wieder nichts. Kein alle befriedigendes noch überzeugendes Ergebnis am Ende. Natürlich, selbstverständ­lich, eine mutige Formulierung zumal so interpretationsbedürftig und diplomatisch undenkbar wie „Diktator“, das ging nun gar nicht. Wie immer.
Anstatt es mit einer simplen, eindeutigen und zugleich realen und weltweit nachvollzieh- und unwiderlegbaren Zuschreibung zu ver­suchen, mit einem Klartext eben, beispielsweise mit dem einfachen Satz:
„Er ist zwar ein Ziegenficker; aber er ist unser Ziegenficker. So, und jetzt nächstes Thema.“
Warum denn nicht mal so?
Hm?
11.4.21
Im Hotel Zur langen Dämmerung
Wer wird‘s wohl werden?
Der Johannes-Rau-Klon Großer Häuptling Sowirddatnix oder
unser lupenreiner Kotzbrocken aus Charakterlosigkeitstan?
Ich benutze heute mal ausnahmsweise das Wörtchen ‚wir‘:
Wir werden uns noch alle schmerzlich - mein Gott, wie tief kann man eigentlich sinken? - nach der sog. Merkel-Zeit zurücksehnen ...
10.4.21
Der Büchertipp des Monats
Im Prinzip leichte Kost, aber nicht grade ein Muntermacher in üblen Zeiten - und doch unter Umständen quasi eine erste Hilfe bei der „fast unlösbaren Aufgabe, sich weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen.“ (Adorno)
„Die Verlockung des Autoritären
Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist“
von Anne Applebaum
9.4.21
Shakuntala Banerjee-TV
Was Fernsehen betrifft, muss ich sagen: Meistens zapp ich da weg. Zwei, drei Minuten, und weg bin ich. Nur bei ‘n Nachrichten nich. Vor allem bei der ‚ZDF-heute‘-Sendung nicht, wenn Petra Gerster oder Barbara Hahlweg moderieren (Christian Sievers, der 3. im Bunde vom Apothekenrundschau-TV, dieser uner­träglich eitle Hühnergockel im Redaktions-Korb, fällt da eher raus – bei dem bin ich vorher schon weg). Egal.
Seit einiger Zeit dürfen die beiden ‚heute‘-Moderator...innen, oh pardon, sind ja tatsächlich nur Frauen, also, dürfen die beiden Moderatorinnen eine neue, extra-hübsche Hauptstadtkorresponden­tin ankündigen, eine mit dem extra-hübschen Namen Shakuntala Banerjee. Und ich freu mich immer schon darauf, wenn die Petra wieder sagen muss:
„Aus Berlin nun direkt zu uns geschaltet: Shakuntala Banerjee!“
Die ersten Sätze von Shakuntala Banerjee krieg ich dann gar nicht richtig mit. Weil ich die ganze Zeit überlege, wie lange die Petra wohl dafür gebraucht haben mag, Shakuntala Banerjee auswendig und unfallfrei auszusprechen. Shakuntala Banerjee. Shakuntala Ba­nerjee. Is ja auch ein schön-schwieriger Name. Shakuntala Baner­jee. Die reinste Poesie. Banerjee Shakuntala. Wie das klingt! Da is Musik drin. Und wie die reden kann! Die Shakuntala Banerjee. Und sooo flüssig. Und so flott. Shakuntala Banerjee. Ich hab jeden­falls lang dafür gebraucht. Shakuntala, Sha­kuntala Banerjee. Nun ja, die Petra is ja auch eine ausgebildete Nachrichtensprecherin. Shakuntala Banerjee. Sehr schön.
Ach, übrigens: die Shakuntala Banerjee stammt aus … ja, da simma aber jetzt gespannt, was? … nein, nich aus Bombay, au' nich aus ... nein, nein, stammt aus Rheydt bei Mönchengladbach! Und da kann sich jetzt ganz Rheydt mal anständig & ordentlich voller Stolz aufe Schultern kloppen. Denn bis dato hatte Rheydt nur einen berühmten Bürger zum Vorzeigen: den dämlichen Schreihals und Propaganda-Blöd­mann Joseph Goebbels.
So gesehen auch mal ne gute Entwicklung.
8.4.21
Söder oder Laschet?
Mal gänzlich abgesehen von dem Corona-Gedöns – was, bitteschön, soll das denn? Söder oder Laschet?! Natürlich keiner von beiden. Und obendrein ist auch die Frage falsch gestellt. Die Antwort muss vielmehr lauten: Pest oder Cholera.
7.4.21
Zapp und weg
Die ‚FAZ‘ tickert:
„Hans W. Geißendörfer wird 80 :
Mit der ‚Lindenstraße‘ war er seiner Zeit lange voraus“
Man könnte auch genauso gut sagen: Er hat mit dem ganzen Scheiß angefangen.
6.4.21
Ich, ich und noch mal ich
Wiglaf Droste hat seinerzeit den Top-Egomanen und Bergbekraxler Reinhold Messner mal folgendermaßen charakterisiert:
„In diesem Mann ist nichts als ein mons­tröses ödes Ich-Ich-Ich. Immerzu ist er mit sich selbst be­schäftigt, und die Worte ‚ich’, ‚mir’, ‚meine’ tauchen in einer Häufigkeit auf, die jeden Rekord bricht. In den olym­pischen Disziplinen Angeben und Aufplustern schlägt Messner Konkurrenten wie Günter Grass und Horst Köhler um Längen.“
Und ich hatte seinerzeit nach bestem Wissen und Gewissen meine Besprechung von Messners bestsellerndem Spitzengequatsche „Gobi – Die Wüste in mir“ mit Wiglafs weisen Worten affirmativ eingeläu­tet.
Entschuldigend könnte man nun einwenden: Thomas Gottschalk hatte bis dato noch nichts Schriftliches ausgeschieden. Und wenn der Mann was im Fernsehen von sich gab, ging‘s hier rein und da raus, und in der gesamten Müll-Lawine von „Wetten, dass …?“ et al. sowieso unter. Persönlich angetan hab ich mir den außerdem eh nie. Aber was Recht ist, soll Recht bleiben, und richtig auch richtig. Und wenn man als großer, großer Kritikus einen Mitbürger so unge­heuer fälschlichst beleumundet hat wie ich das Murmeltier Yeti Messner, sollte man sich beizeiten auch mal korrigieren dürfen. Also:
Reinhold Messner gehört zwar unter den Top-Egomanen dieses Pla­neten zu den absoluten Spitzenkräften. Aber: Im Vergleich zu Th. Gottschalk gilt er im Reiche der Top-Ichlinge objektiv als ein zu vernachlässigender, lächerlich kleiner Wicht und Waisen­knabe.
Bei Gottschalk gibt es keinen einzigen Satz ohne „ich“! Alle Sätze fangen mit „Ich“ an. Oder hören mit „ich“ auf. Und wenn ein „ich“ zufällig mal mittendrin auftaucht, hört man dieses „ich“ auch nur, weil das Satzfüllmaterial drumherum sich jedem auch nur ir­gendwie geartetem Sinn komplett verweigert. Selbst die seltenen Neben­sätze bei Gottschalk bestehen in ihrer Substanz nur aus „ich, ich, ich und aber­mals ich“. Wenn man bezüglich des Gottschalk-Ichs über­haupt von Substanz …
Egal.
Menschen, die sich in der Kulturindustrie gut auskennen müssen, faseln voller Stolz von ihren beiden „gleichberechtigten Titanen“, die da von ihnen gleichermaßen seit Jahrzehnten als die „heiligen 2 Könige“ hoch­gehypt, gepimpt, gejazzt und angehimmelt werden: Pop-Titan Dieter Bohlen und Show-Titan Thomas Gottschalk.
Jetzt werden einige meiner Freunde mir wohl nicht folgen mögen, aber, lieber D. (du erinnerst dich an unsern heißen Bohlen-Disput?), ich kann‘s mir nicht verkneifen: Von Gleichberech­tigung der beiden Show-Pfeifen würd ich auch hier nicht reden wollen. Thomas Gott­schalk ist meines verachtens mit Sicherheit + Abstand das größere Arschloch.
So. Und was jetzt den Wüstenfuchs Messner angeht: Ich wollt‘ mich ja nur 'n bisschen entschuldigen.
Tschulligung.
5.4.21
Gack, gack, gack und Kikerikieh
Zwei fette Seiten in der ‚BamS‘ - großes Hühner-Interview mit Barbara Schöneberger und Judith Rakers!
Ichsagmaso: Ihr seid aber auch echt definitiv und wirklich echt verrückt! Ja, auf jeden Fall, ganz klar, und das sagen ja auch alle, richtig coole, total megakrasse, toughe und superverrückte, also wirklich: gaaanz verrückte Hühner seid ihr, ihr beiden, ihr verrückten Hühner! In echt.
4.4.21
Was sind das eigentlich für Leute?
Und da waren se wieder. Diesmal in Stuttgart. Über 10.000 Piepel. Sog. Querdenker aller Schattierungen, Menschen, die mit einem rätselhaften Selbstbewusstsein ihre hohle Nuss durch die Gegend tragen, teilweise ganze Familien mit Kind und Kegel, freiwillig Gleichgeschaltete ohne Mund- und Nasenlappen und ohne den ge­botenen Abstand, viele unter ihnen, die bis vorgestern noch zu­frieden im Einklang mit sich selbst auf ganz andern Partys tanz­ten, heut jedoch als frischkonvertierte Totlaberer jedes Gespräch in eine kommunikative Folterhölle verwandeln, abstruse Wesen aus ande­ren Welten, Alpträume fremder Galaxien, unerreichbare Voll­blut­spinner, alternative Einzelheinze vom Stamme der Absurden.
Von weitem, aus der Entfernung betrachtet, denkt man erstmal: Och, guck ma, alles friedliche, durch die City flanierende harmlose Volksfestbesucher, die sich zusammen warum auch immer kollektiv in die Innenstadt verlaufen haben! Sobald man sich aber dem Trei­ben bis auf ein paar Schritte nähert und ihnen neugierig zuhört, wenn se den Mund auf­machen, wird man schnell eines Besseren belehrt:
Es ist Pack! Schlicht & ergreifend: Pack. Pack ist es, Pack bleibt es. Nichts anderes als ungefragt dahergelau­fenes, stinknormales Pack.
Und so sieht's auch aus.