Das Tagebuch

14.10.20
Falls Sie unbedingt irgendwo mitreden wollen
Mein Büchertipp des Monats:
„Lebenswerk“, Autobiographie von Alice Schwarzer
Nee, war ‘n Scherz! Aber können se ruhig lesen. Auch eitler Schrott bildet. Doch bevor Sie sich den antun, besorgen Sie sich das leider, leider vergriffene, hochinformative, reizvolle Bändchen von Kay Sokolowsky aus der Edition Tiamat
„Who the fuck is Alice? - Was man wissen muß, um Alice Schwarzer vergessen zu können“
Im Normalfall reicht das dann auch.
13.10.20
Bad in der Menge
Trump bei seinem 1. Auftritt nach seiner „Genesung“:
„Ich werde euch allen einen dicken, fetten Kuss geben!“
Mein Gott, ist das ekelhaft! Allein schon die Vorstellung!
12.10.20
Gott behüte!
Und es sprach im US-Senat bei der Anhörung für die Berufung zur lebenlangen Verfassungsrichterin die junge, hübsche, fesche, intelligente, hübsche, junge, fesche … hammer noch was? … ja, erzreaktionäre, abergläubische, schwerreligiöse, irrationale Kampfmaschine Amy Coney Barrett, Trumps Rache an der Welt von morgen, und sie sprach:
„Ich glaube an die Macht des Gebetes.“
Man sieht: Die Emanzipation der Frau kann auch schon mal jung, hübsch und fesch nach hinten losgehen.
11.10.20
Kasper, Melchior, Hoppsassa
Rassismus im Christentum! Wo gibt‘s denn so was?!
Über, unter oder besser durch Ulm, einem beschaulichen Hinterpo­semuckeldörflein hart am Rande des Baden-Württembergischen, mit dem der Rest der Welt bisher, wenn‘s hochkommt, höchstens den beliebten Zungenverhaspeler „In Ulm, um Ulm und um Ulm herum“ verbunden hatte, war wohl vor einigen Monden ein mächtiger Hauch der Postpostpostmoderne geweht und hatte in der evangelischen Gemeinde mit dem Furor protestantischer Bilderstürmerei mächtig für Unruhe gesorgt.
Schuld, Dreh- und Angelpunkt war ein kunsthandwerkliches Detail der weihnachtlichen Krippenfiguren-Community in Gestalt unseres afrikanischen Mitbürgers König Melchior, auch bekannt als einer der drei Weisen aus dem Morgenlande, welcher vom Künstler, der kolo­nialen Tradition treuen Herzens verpflichtet, genau so zusammen­gezimmert worden war, wie sich der Otto-Normal-Europäer bis zum heutigen Tage einen echten Bimbo nur vorstellen kann, eben zu sein hat, nämlich rabenschwarz, mit wulstigen Lippen, Knubbelnase und abgenagten Knochen in der Haarkrause, nee, pardon, mit güldenem Armreif als Zeichen seiner neureichen Stammesposition im heimat­lichen Kral oder so.
Ergebnis des eifrigen, evangelisch-demokratischen Weltverbesse­rungs-Diskurses war dann aber nicht die Frage: Kommt das schwarze Püppchen jetzt ins völkische Museum für angewandten Rassismus? Oder wird das Corpus delicti einfach ersetzt durch einen grünen oder violetten oder sonstwie gefärbten weisen, sternekundigen Oberhäuptling aus den Weiten der Serengeti?
Nein, die Antwort hieß ganz traditionell: Der Neger muss weg. Schlicht und ergreifend weg. Und so wurde er dann auch nach abendländischer Sitte wieder entsorgt. Der Mohr hatte damit noch ein letztes Mal seine Schuldigkeit getan. Der Mohr konnte gehen.
Fazit:
Die Ulmer Christengemeinde wird mit ihrem unverstandenen, kurzen Anflug von kritischer Vernunft selber klar kommen müssen. Für mich als Bewohner des nicht minder apokryphen Haufendorfes Colonia aber stellt sich unerwartet ein neues Problem: Was ist jetzt mit den heiligen Gebeinen der heiligen drei Könige, die seit ihrer Wanderschaft durch die Abendlande bekanntlich in der heiligen Gruft des Domes zu Kölle vor sich hin gammeln? Wer war denn dann da der dritte Mann?
10.10.20
Kleiner Tipp zum „Internationalen Tag der seelischen Gesundheit“
Wenn Sie mal wieder in nem Gespräch Gefahr laufen sollten, die Contenance zu verlieren und Ihre Hand auszurutschen droht, weil Ihr Gegenüber sich als kleiner Antisemit erweist, beenden Sie besser die sowieso sinnlose Diskussion und zwar mit einem v.a. seit Auschwitz sehr erfolgreichen jüdischen Witz. Geben Sie dem Arsch­gesicht ganz einfach Recht:
„Genau! Ganz Ihrer Meinung! Die Juden sind an allem Schuld! Die Juden und die Radfahrer!“
Der wird Sie daraufhin mit Sicherheit fragen:
„Äh, Moment, wieso denn die Radfahrer?“
Und dann fragen Sie zurück:
„Wieso denn die Juden?“
Schluss, aus, Nikolaus. Falls Ihr Gesprächspartner nicht ne vollkom­men hohle Nuss ist, haben se danach zumindest n paar Tage Ruhe.
So wie ich jetzt ne Woche Ferien.
Auf Wiedersehen, Deutschland
9.10.20
„Bild, BamS und Glotze“ - 2. Teil
Was bisher geschah:
Nee, Quatsch, lassen wa das. Steht ja alles schon da oben.
Also, laut ‚Kölner Stadtanzeiger‘, hm, war der Herr Schröder jeden­falls „über die Worte von Herrn Nawalny sehr erschüttert.“ Diese hätten ihn tief gekränkt und weiß der Düwel noch was. Wäre dieser deutsche Ex-Kanzler noch einigermaßen normal, wäre er einer, auf dessen Wort noch irgendjemand – außer vielleicht der lupenreine Putin – einen Pfifferling geben würde, hätte ‚Bild‘, die im Übrigen und sowieso nicht mal nen verfaulten, halben Pfifferling wert ist, unter Umständen bei Herrn Schröder ja mal nachgefragt. Und weil se das eben nicht getan hat, sagt der Herr Schröder nun:
„Das Blatt hat meine Persönlichkeitsrechte auf das Schwerste ver­letzt“ und behält sich, wie das bei Prozeßhanseln halt üblich ist, juristische Schritte vor. Was wiederum mehr als sinnlos, geradezu absurd erscheint – denn wie und wo sollen Persönlichkeitsrechte verletzt sein, wenn da keine Persönlichkeit mehr existiert? Egal.
Als damals, als der Herr Schröder begann zu werden, was er wurde, und dabei sein eigenes Grundgesetz verkündete „Zum Regieren brauch ich nur Bild, BamS und Glotze, war auch das eherne Gesetz der ‚Bild‘ bereits seit langem in Stein gemeißelt:
„Wer mit uns im Aufzug hochfährt, fährt mit uns auch wieder runter.“
Und so bleibt die ewige Frage: Wie doof darf man eigentlich sein …?
8.10.20
„Bild, BamS und Glotze“
Weil der russische Blogger und anscheinend doch sehr gefährliche Kreml-Kritiker Alexey Nawalny unseren aus ganz kleinen Verhält­nissen stammenden, altehrwürdigen Altkanzler Gerhard Schröder bescheinigt hat ...
gut, man könnte auch sagen: unserem vielfach gepriesenen sozial­demokratischen Oberegomanen, gnadenlosen Proletenbescheisser und schmierigen Anti-Kriegsopportunisten vorm Herrn und seit län­gerem als international Macht und Kohle abgreifenden Lobbyisten­fritzen und, in diesem Fall nicht unwesentlich, hauptberuflich Auf­sichtsratsvorsitzenden von Russlands Nord Stream AG und Rosneft, äh, wo war ich? Ach ja ...
im Interview mit der ‚Bild‘-Zeitung bescheinigt hat, „ein Laufbur­sche von Wladimir Putin“ zu sein und „aus Moskau verdeckte Zahlungen erhalten“ zu haben, war nun Gerhard Schröder so erschüttert …
Ach wissen se: Ich hab bei diesem schönen Wetter eigentlich gar keine rechte Lust, mir meine kostbare Zeit zum 1000. Mal mit diesem Arsch zu verplempern. Mal gucken. Morgen ist ja auch noch n Tag.
7.10.20
Jott Fliege
Lange, lange Jahre hatte man von ihm nichts mehr gehört und gese­hen. Aus der realen Welt schien er, von vielen, v.a. vielen Frauen schmerzlich vermisst, jedenfalls irgendwie entschwunden zu sein. Vor ein, zwei Wochen war er zwar wieder kurz unter uns, auferstan­den als Redner auf der Münchener Anti-Corona-Manifestation seiner Freunde von der Querdenkerfront. Jedoch die gottferne Lügen­presse hatte kaum von ihm Notiz genommen.
Ob dieser Ignoranz nun tief und bitterlich enttäuscht, erinnerte er sich an seine hohe Kunst der christlichen Zauberei, verwandelte sich in ein allseits bekanntes Tier mit Flügeln gleichen Namens, flog über den großen Teich und nahm – während einer Live-Sendung im amerikanischen Fernsehen - Platz auf dem silbernen Haupthaar des Vizepräsidenten Mike Pence.
Doch leider hatte niemand eine Fliegenklatsche zur Hand.
6.10.20
Zur Abwechselung heute was Reelles
Mein Büchertipp des Monats:
„Leben mit Parkinson – Achterbahn für Fortgeschrittene“ von Dr. med. Helmut Schröder
und mein Plattentipp des Monats:
„Tuscaloosa“ von Neil Young + Stray Gators, ein Live-Mitschnitt aus dem Jahr 1973