Alle Tagebucheinträge im Archiv

1.12.22
Büchertipp des Monats
Wer ahnen oder unken möchte, wohin die Reise gehen könnte, der wird vom Enzensberger-Kinde nicht übermäßig enttäuscht werden:
„Jetzt wird‘s knapp! Kursbuch 211“
2.12.22
Besinnliches erwünscht? Bitte sehr!
Der „Kölner Stadtanzeiger“ läuft immer mehr der „Titanic“ den Rang ab. Auf Seite 1. großformatiger Hinweis auf ein in jeder Hin­sicht einseitiges Interview mit Alice Schwarzer Seite 11 und dem Zitat da draus:
„Man darf sich selbst nicht so wichtig nehmen“
Ich krieg mich nich mehr ein!‚Man darf sich selbst nicht so wichtig nehmen.‘ Nee, wat hammer jelaach!
3.12.22
„Herzhaftes Ja, entsetztes Nein“
Große ‚Spiegel‘-Hymne auf A. Schwarzer von einer Barbara Supp. Doch man muss der gnädigen Frau Supp nicht groß in die Suppe spucken. Schon die Überschrift enthält eine grobe, richtungwei­sende Fehleinschätzung:
„Gefürchtet und gehasst, geschätzt und geliebt – nur gleichgültig lässt Alice Schwarzer niemanden“
Ehrlich gesagt, mich schon.
4.12.22
Noch irgendwelche Wissenslücken?
Zum Fall A. Schwarzer?
Wie meinen Sie das … Wissenslücken?

P.s.:
Wer sie dennoch schließen möchte, bitte sehr:
„Who the fuck is Alice?
Was man wissen muß, um Alice Schwarzer vergessen zu können“
von Kay Sokolowsky
Edition Tiamat, Berlin, 2000
Es ist das einzige kritische Buch über A.S., das ich kenne, und leider Gottes vergriffen. Aber vielleicht hat derdiedas Suchende ja Glück und findet ein gebrauchtes Exemplar bei ner anderen Amazon‘in ...
5.12.22
Aufstand der Innenminister
Laut ‚Welt.de‘ diskutierten die 16 Innenminister der Länder und des Bundes friedlich 3 Tage lang unter anderem über die Forderung von Hessens Innen­minister Peter Beuth (CDU), zugleich Obergruppen­sprecher der Unionsinnen­minister, die ‘sog. letzte Generation‘ als „kriminelle Vereinigung“ einzu­stufen.
Zum Abschluss ihrer Konferenz wurde Bayerns Innenminister Joa­chim Herrmann (CSU) dann noch mal laut ‚Welt.de‘ sehr deutlich. Er mahnte im Blick auf die Klimaaktivisten der „letzten Genera­tion“, der Rechts­staat dürfe sich „nicht auf der Nase herumtanzen lassen“.
Und das wär ja geradezu fast mal was Neues gewesen! Hallihallo! Ein neuer Straftat­bestand:
Wer dem Rechtsstaat auf der Nase herumtanzt oder solche Tän­zerInnen irgendwie unterstüzt, wird zu einer Frei­heitsstrafe von bis zu 5 Jahren Einzel-, Dunkel-, Kleingruppen- und Isolationshaft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt, inklusive 80 Peit­schenhieben ... was? Ja, sicher: pro Tag ... lebenslanger Aberken­nung der Bürger­rechte, nur bei Wasser und Brot …
Ach nee, das glaub ich nicht, das geht zu weit, das wird dieser Herrmann nicht durchkriegen, glaub ich.
6.12.22
Zivilisationsbruch? Ick hör dir trapsen!
(Eigentlich gehört ein Eintrag wie dieser nicht in eine deutsche Witzesammlung. Aber egal. Vielleicht ja doch.)

Der Begriff „Zivilisationsbruch“ stammt vom jüdischen Historiker Dan Diner, der ihn seinerzeit aus gutem Grund einzig und allein nur auf den Holocaust bezogen haben wollte, den singulären industri­ellen Massenmord an den europäischen Juden, und alle (außer Nazis aller Art natürlich und ihre diversen Anverwandten) hatten sich zu­meist bis­her an die­se Sprachre­gelung gehalten und daran, dass man auf diesem apokalyptischen Planeten zwar mehr oder weniger alles miteinander vermanschen, verram­schen und verglei­chen kann, wie Äpfel mit Birnen, aber eben nicht gleichsetzen; wonach also z.B. eine mit hunderttausenden Hüh­nern vollgestopf­te Kloake eben auch kein Hühner-KZ und kein Ver­nichtungs­lager Auschwitz III, IV oder V ist, sondern eine nach mo­der­nen EU-Richtlinien ganz normale, ganz legale grauen­volle Hühnerzucht- und Eier­legefabrik.
Nun hat unsere ansonsten nie um flotte Wortfindungen verlegene Außenministerin diesen russischen Angriffskrieg auf die Ukrai­ne auch als Zivilisationsbruch bezeichnet!
Man könnte jetzt wie gehabt und wie gewohnt den Baerbockmist überhören, ignorieren und friedlich vergessen. Doch sie steht mit ihrem tendenziell begriffauflösenden Wörtergeklingel nicht alleine da. Die mentale Budenzauberei hat seit ‘45 System und dient dem stram­men „deutschen Volke“ bei seiner Erlösung und Wiederaufer­stehung, in erster Linie unterm Strich, gleichsam „Unterm Radar“ *) also nur der Selbstentschuldung, Reinwaschung und Wie­dergutwer­dung. Oder, ja, oder man könnte die nette Dame auch fragen: Warum? (Die is ja nich total doof.)
Aber ich frage nicht mehr.
Mein Interesse an einer Gesellschaft, die sich mehrheitlich gern euphorisch selbst zu einem Volk zusammendichtet, das es nicht gibt, nie gab und nie geben wird, aus der nach jeder kritischen Äußerung über egalwas ein nicht enden wollender Shitsturm loszu­brettern droht und einem andererseits wie das Kriegsgeschrei von denkfau­len Friedensaposteln sofort der herrsch­süchtige, barbari­sche Erste Lehr­satz der „Repressiven Toleranz“ entgegendonnert „Ja, das ist deine Meinung. Die Anderen haben eben eine andere“ und damit jegli­chen Disput und nicht-genehmen Gedanken effekti­ver eliminieren kann als jeder mit seinen Atombomben rumjong­lierender Drecksdiktator ...,
also, mein überbordendes Interesse an dieser Gesellschaft, meine Lieben, ist quasi, ähm, über Bord gegangen, hat sich im Laufe der Zeit - wie soll ich sagen - ein klein wenig ver­flüchtigt.
Wie gesagt, ich frage nicht mehr.
Ma gucken, wie‘s Wetter morgen wird.

*) So heißt die neue Platte von Danny Dziuk, die im Februar '23 in die Öffentlichkeit gelangt.
7.12.22
After the Nikolaus
Am morgigen Tage, dem 8. Dezember, Kinder, da wird‘s was geben! Was genau, weiß ich allerdings auch noch nicht. Morgen ist nämlich der „Internationale Tag der Bildung“. Der Bildung und der Bildung krimineller Vereinigungen
Und wer im Laufe seines Lebens mal etwas Bildung abgekriegt hat, der weiß unter Umständen möglicherweise auch, dass ebenso am morgigen Tage interna­tional der „Tag der Unbefleckten Empfängnis“ begangen wird; nur dass die paar Männekes, die das tatsächlich wissen, garantiert nur das wissen und nicht, wer und was mit dieser „unbefleckten Empfängnis“ über­haupt gemeint ist.
Und wahrlich, ich sage euch: Wer dann herausfindet, was dieser durch und durch katholische Oberquatsch zu bedeuten hat, und sich nicht übermorgen gezwungen sieht, stante pede zum Austreten in die zur Zeit nicht abreis­sende Schlange vor der zuständigen Behörde einzureihen, um der römisch-katholischen Kirche zu zeigen, was ne diabolische Harke ist, dem kann ich auch nicht helfen. Ich bin aber trotzdem bereit, mittels eines kur­zen Zitates aus Wikipedia, den Prozessbeschleuniger zu geben.
Biddeschön, hier spricht Wikipedia:
„Die unbefleckte Empfängnis Mariens ist ein 1854 verkündetes Dog­ma der röm.-katholischen Kirche, nach dem die Gottesmutter Maria vor jedem Makel der Erbsünde bewahrt wurde. Damit habe Gott Ma­ria vom ersten Augenblick ihres Daseins an vor der Sünde bewahrt, weil sie die Mutter Gottes werden sollte.“
Mit and. Worten: Sogar die 2 Ommas und Oppas vom Heiland sollen seiner­zeit ohne banalen G‘schlachtsverkehr, ohne auf gut Deutsch gevögelt zu haben, in diese Welt geworfen worden sein. Das muss man sich mal vorstellen!
Wenn allerdings auch diese 2 Wiki-Sätze nicht die gewünschte Wir­kung erzie­len, dann bin selbst ich mit meinem kleinen Kirchen­latrinum am Ende; dann ist auch ne doppelte und dreifache Über­dosis Bildung für die Katz. Wie ebenso die Bildung krimineller Ver­einigungen.
Das ist traurig und schade, is aber so.
8.12.22
Ri-Ra-Razzia bei Mama un‘ Papa Reichsbürga
Sie wollten wohl, so posaunte es wortgleich aus allen Gazetten, eine ähnliche Nummer durchziehen wie die Trum­pisten in den USA. Doch da ist nix draus geworden. Stattdessen kamen die Herren des Morgengrau­ens und machten dem Reichsbür­ger-Spuk mit Nachdruck, Gewalt und guten Worten ein vorschnelles Ende, „bei einem der größten Polizeieinsätze gegen Extremisten in Deutschland.“ Und 25 Festnah­men! Entsprechende Anerkennung, Beihilfe, Stolz & stan­ding ovations machten sich daraufhin breit über Nacht überall in der interessierten Öffentlichkeit, vorneweg bei all den twittern­den Politikern und twitternden Politikerinnen.
Ich hatte vorgestern hier noch äff äff äff äff (frisch fromm fröhlich frei) gestanden, in Zukunft keine Fragen mehr stellen zu wollen. Aber jetzt frag ich doch wieder:

Der Fascho Trump hatte vor, während und nach dem Überfall aufs Capitol zumindest noch fast die Hälfte der Amerikaner hinter sich. Und die Amis kennen ihren Trump. Vier Jahre vorher war er durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen. So wie unser Adi auch. Ein erneuter Bürgerkrieg lag also durchaus im Bereich des Möglichen und in Trumps Interesse.
Aber wie sieht‘s hier aus?
Von den Reichsbürgern weiß man nada, niente, nix, null, nothing. Von einem „Parteiprogramm“ noch viel weniger. Irgend­welche Infos, Fakten, Anek­do­ten bezüglich deren Vergangenheit: Fehlanzeige Puste­kuchen. Mitgliederzahlen: nix da. Sympathisanten? Ja, okay, Xavier Naidoo und Nena. Von den 25 Verhafteten nur den üblichen kleinbürgerlichen Kleinkram aus verstaubten Amts­stuben­akten. Und vom designierten Reichsoberhaupt, dem Herrn hochwohlgeborenen Reichs­kaisererbförsterfürsten kannte man nicht mal dessen Visage.
Und so meinte nach der gestrigen Razzia unsere tief erschrockene Bundesinnenministerin:
„Die Ermittlungen ließen in den Abgrund einer terroristischen Be­drohung blicken.“
Ja, und all überall war man sehr aufgeregt und befürchtete das Schlimmste.
Ich aber habe mich, was diese Reichsbürger betrifft (Ah, apropos, komisch! Hier kommt niemand auf die Idee, bei dem Wort 'Reichs­bürger' noch ein 'hicks',/, * oder 'Innen' hinten dran zu setzen. Egal.) äh, nur gefragt:
Wie doof darf man in diesem Land eigentlich sein!
9.12.22
Manchmal kommt man einfach nicht mehr mit
Es war allein erstaunlich, in welchem Affentempo sich vorgestern die Nachricht über einen der massivsten Polizei­einsätze der letzten Zeit medial verbreiten konnte und Deutschlands Ord­nungshüter wie geplant ratzifatzi einen von der Reichsbür­ger-Gilde ausgetüftelten Staatsstreich verhinderten.
Noch wesentlich irritierender jedoch war dann die Erkenntnis, dass unsere klassisch ausgebildete Info-Elite tatsächlich einem Haufen hirntoter Rentner zutraut, eine solch komplizierte Putschnummer überhaupt auf die Reihe zu kriegen
Ich hab jetzt nichts gegen hirntote Rentner. Aber, pardon, in einer von hirntoten Rentnern regierten Gesellschaft wollt‘ ich auch nicht leben.
Übrigens, hirntote Rentner gibt's nicht nur bei den Reichsbürgern. (Wenn Sie wissen, wen ich meine.)
10.12.22
Noch 'n Nachschlag
zur Verhaftung der 23 hirntoten Reichsbürger
Es ging so mancher in den letzten Tagen davon aus, dass die ganze Aktion – wie soll ich sagen – nicht ganz koscher abgelaufen war. Und dass es unter Journalisten auch welche gibt, die diese geistig weg­getretenen Reichsbürger für fähig halten, 'nen echten Staatsstreich händeln zu können, macht einen zwar im ersten Moment sprachlos, aber das sind dann wahrscheinlich auch Sympathisanten und solche Vögel, die ohne groß nachdenken zu müssen, lange Artikel über die „Unbefleckte Empfängnis Mariens“ zusammenpinseln können.
Ich gehe eher davon aus, dass die sog. seriösen Pressefritzen ein­fach nur alle froh waren, endlich mal was anderes als immer nur Corona, Putin und Ukraine zu tippen. Corona, Putin und Ukraine oder Ukraine, Putin und Corona oder Putin, Putin, Putin, Corona und Ukraine ... Okay, zwischendurch mal hin & wieder ein bisschen
Lauterbach, Impf- und Maskenpflicht, Umweltthema Sekunden­kleber, Suppenkasper, Bürgergeld, Kohle, Erdöl, Gaspreis­bremsen, Ampel, Hampel, Pampelmusen, Tempo 30, Tafelrunden, Kanzler Merz und AfD, Lindner, Lindner Steuererhöhung, Terroristen, Pazi­fisten, Olaf Scholz und Ende Gelände. Aber dann auch schon wieder Ukraine, Putin und Corona.
Ach, Journalismus muss 'n harter Job sein.
Ich könnt's, glaub' ich, auch nich'.